Am 6. November 2017 habe ich auf meiner Facebook-Seite geschrieben:

Ich bin …

 

Seid ihr gerade auch so platt? Vielleicht ist es einfach der nicht mehr zu übersehende Beginn der dunklen Jahreszeit. Mein Eindruck ist, dass momentan bei vielen Menschen der Akku leer ist. Mir geht es auch so. Richtig gemerkt habe ich es bei einem letzte Woche begonnenen Coaching zum Thema Markenentwicklung. Nach dem ersten Onlinemeeting war ich wie erschlagen. Dem Grund bin ich noch nicht ganz auf die Schliche gekommen, auch wenn ich ein paar Ideen habe. Fakt ist jedenfalls: Ich bin die letzten Tage ziemlich müde, das kann ich selbst-bewusst formulieren.

Sollte man das so sagen? Gute Frage. Ich bin ein Fan positiver Sprache, aber statt „ich bin platt“ zu sagen „ich fühle mich eingeladen, mich öfter auszuruhen“? Das geht mir nicht so leicht über die Lippen. Es fühlt sich nicht stimmig an, denn ich fühle mich nicht wirklich eingeladen, mich auszuruhen, sondern ausgebremst bei dem, was ich tun will. Oder muss, wobei das mit dem Müssen ja auch wieder so ein Thema für sich ist.

„Ich bin“ ist die einzige Sache, die wir ohne Zweifel wissen und mit Bestimmtheit sagen können: Du nimmst dich wahr, hast ein Bewusstsein davon, dass es dich gibt. Du bist. Wer, was, wo, … das ist im Grunde offen. Lass mich das kurz erklären. Vielleicht kennst du den ersten Grundsatz des Philosophen René Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ Es ging Descartes dabei um Erkenntnisfähigkeit; um die Frage, was wir als Menschen überhaupt wissen können, unumstößlich. Seine Erkenntnis lautet, dass wir zumindest existieren müssen, um etwas denken zu können – wenn wir also denken, sind wir auch. Es gibt uns. Alles andere ist offen.

 

Alles, was du über dich zu wissen glaubst, ist relativ

 

Wer sagt denn, dass wir nicht als Gehirne in irgendwelchen Tanks schwimmen? Dass das, was wir für unser Leben halten, nicht nur eine Projektion ist? Wahrscheinlich kennst du den Film „Matrix“, der ebenfalls mit dieser Idee umgeht. (Später kamen dann andere Philosophen und versuchten zu beweisen, dass Descartes falsch gelegen hat, denn „ich bin“ ist beispielsweise nicht dasselbe wie „es gibt etwas Denkendes“, aber ich möchte mit meinem heutigen Beitrag auf etwas anderes hinaus und belasse es an der Stelle einfach dabei ;) ). Philosophischer Ausflug beendet.

 

Du entscheidest mit deinen Worten über dein Sein

 

Was folgt daraus für das praktische Leben? Vieles, aber an der Stelle: „Ich bin“ ist eine sehr mächtige Wortkombination. Denn das, was wir anfügen, ist für uns selbst wahr. Wir vermitteln nicht nur anderen Menschen Information über uns, wenn wir „ich bin“ sagen, wir definieren uns damit auch für uns selbst. Ich bin schön. Ich bin erfolgreich. Ich bin klug. Sag‘ das mal zu deinem Spiegelbild. Und? Komisch? Ich bin nicht ganz hässlich. Ich habe schon das eine oder andere erreicht. Ganz blöd bin ich nicht. Funktioniert das leichter? Wenn ja, warum eigentlich?

 

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug

 

Weil, behaupte ich, wir damit weniger Angriffsfläche bieten und weniger im Licht und in der Verantwortung stehen. Auch vor uns selbst. Vielleicht findet mein Gegenüber mich ja nicht schön und natürlich weiß ich auch ganz genau Bescheid über die Cellulite an meinem Hintern. Erfolgreich, naja, also was heißt eigentlich erfolgreich – wenn man behauptet, erfolgreich zu sein, dann muss man ja schon gut Geld und viele Aufträge und herausragende Kompetenz vorzuweisen haben, nicht?

Das Gegenüber könnte ja denken ich sei arrogant, wenn ich sage, ich bin erfolgreich. Und ich weiß ja auch selbst ganz gut, dass ich echt nicht sooo viel Geld habe. Naja und klug, also KLUG, hmmm, in Mathe war ich ja jetzt echt nie so der Checker und über die Pflege von verirrten Walkühen weiß ich auch nicht wirklich Bescheid. Da kann ich ja nicht sagen, hier, ich bin klug. Lieber ein paar relativierende Füllwörter mehr, ein paar sprachliche Weichmacher von „etwas“ über „vielleicht“ bis „eventuell“.

 

Ich bin schön. Ich bin erfolgreich. Ich bin klug.

 

Das kann ich doch nicht sagen. Oder? Doch. Ich sollte es sogar unbedingt. Wir definieren für uns selbst, wer und was wir sind, indem wir sagen: ICH BIN. Sowohl positiv wie auch negativ. Wir definieren damit aber ein Stück weit auch, wie andere uns sehen. Denn wer, wenn nicht wir selbst, könnten eine wahre Aussage darüber machen, wer wir sind? Deshalb lohnt es sich, darauf zu achten, was man so zu sein behauptet. Ich habe keine Deutungshoheit über das, wie andere mich wahrnehmen. Aber ich habe in der Hand, was ich über mich äußere.

 

Du bist erfolgreich, klug und wundervoll, weil du es sagst

 

Ein gutes Beispiel dafür, wie das mit den (Selbst-)Definitionen funktioniert: „Was liebst du daran, eine erfolgreiche Frau zu sein?“, wurde ich in einem Fragebogen für eine Erfolgsfrauengruppe gefragt. Und selbstverständlich weiß ich da eine Antwort. Ich stelle gar nicht infrage, eine erfolgreiche Frau zu sein, denn ich bin ja nachweislich Erfolgsfrau, wenn ich an einer Erfolgsfrauengruppe teilnehme. Logisch!

Was ich an dieser Stelle festhalten möchte: Wenn du „Ich bin …“ erst mal klar formuliert hast, wird es schon allein dadurch Teil der Wirklichkeit. Und? Was bist du? Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen! :)